In der niedersächsischen Kleinstadt Lehrte soll ein neuer Baumarkt eingerichtet werden. Dagegen regt sich insbesondere im bürgerlich-linken Lager Widerstand.
An dieser Stelle soll es kurz um die von den Gegner_innen der Baumarktansiedlung vorgetragene verkürzte Kapitalismuskritik und den damit verbundenen strukturellen Antisemitismus gehen.
Struktureller Antisemitismus – worum geht’s eigentlich?
Eine verkürzte Kapitalismuskritik baut regelmäßig auf Personalisierung und Moralisierung, Nationalismus oder wie hier Lokalpatriotismus sowie Verschwörungstheorien auf.
Struktureller Antisemitismus benutzt unter anderem diese Verkürzungen um „einfache Lösungen“ für komplexe Probleme nahe zu legen. Dabei wird nicht notwendiger Weise ein Bezug zu Jüd_innen hergestellt (sonst wäre es ja nicht „bloß“ nur „struktureller“ Antisemitismus), aber die Problemstellung wird so vereinfacht, dass „Schuldige“ ausgemacht werden.
Die Propaganda des Nationalsozialismus unterschied zwischen schaffendem und raffendem Kapital. Während das schaffende Kapital nach dieser Auffassung dabei Volk und Vaterland diente, verfolgte das mit dem Judentum assoziierte raffende Kapital angeblich rein egoistische Ziele.
Dass hier insbesondere von Seiten einiger Sozialdemokrat_innen kaum Berührungsängste vorhanden sind, zeigt sich auch am prominenten Beispiel des „Heuschrecken“-Vergleichs von Franz Müntefering. Dieser aus dem Nazijargon stammende Begriff zielt genau auf eine Entmenschlichung und Herabsetzung eines „Feindes“ ab.
Der neue Baumarkt – Ein Schaden für das Gemeinwohl?
Der Einzelhandel in seiner Gesamtheit will, wie alle übrigen Branchen der Wirtschaft auch, seine Profitrate steigern. So weit, so üblich im Kapitalismus. Zentrale Großprojekte wie Einkaufscenter scheinen diesem Zweck offensichtlich mehr zu dienen als der Tante-Emma-Laden an der Ecke.
Diese Gesetzmäßigkeiten des Marktes ignorieren die Gegner_innen der Baumarktansiedlung vollständig und schieben die Schuld allein auf den Investor: Dieser sei Schuld, wenn die Innenstadt von Lehrte weiter veröde und kleinere Läden dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhielten.
Dieses Argument untermauern sie mit der Feststellung, das Angebot an typischen Baumarktwaren und Baustoffen wäre in Lehrte ausreichend sicher gestellt. Ein neuer, größerer Baumarkt würde nur gebaut, um sich an den Konsument_innen zu bereichern.
Dabei blenden sie komplett aus, dass auch die bestehenden Baumärkte ausschließlich deshalb eingerichtet wurden, um Profite zu erwirtschaften.
Auf der einen Seite wird also der „raffende“ fremde Konzern stilisiert, auf der anderen Seite das Bild „schaffenden“ eingesessenen Einzelhandels konstruiert, der sich scheinbar uneigennützig den Bedürfnissen der Lehrter Bürger_innen widmet.
Guter Arbeitsplatz, schlechter Arbeitsplatz?
Desweiteren wird beklagt, dass angeblich in Folge bestehende Arbeitsplätze im lokalen Einzelhandel verschwänden und durch Billig-Jobs im neuen Baumarkt ersetzt würden. Eine weitergehende Kritik an der Existenz von Billig-Jobs findet aber nicht statt. Einmal ganz davon abgesehen, dass Lohnarbeit als solche nicht in Frage gestellt wird.
Kapitalismus abschaffen!
Für den Kommunismus!


